DeGeneration X

Schon die Philosophen im antiken Griechenland beschwerten sich, die Jugend verkomme zusehends. Die Aktuelle scheint dem gleichen Ziel nachzustreben. Allerdings wird da gerne etwas vergessen: Nicht nur die Kids von heute leiden unter sozialer und emotionaler Degeneration. Sämtliche Gesellschaftsschichten dieser Erde sind von Bekloppten, Gehirnpygmäen und Schwachmaten durchzogen mit einer Intensität, wie sich sonst nur Spaghetti durch Tomatensauce windet.

Da kann man manchmal nur noch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Oder drüber schreiben.

Tokio Hotel und Bushido bekommen einen Echo als beste nationale Künstler. Das ist also ganz offiziell das Beste, was dieses Land zu bieten hat, musiktechnisch. Pachelbel, Bach, Mozart - und all das gipfelt dann in Bushido und Tokio Hotel. Die Namensgeberin der Auszeichnung, Ηχώ, ihres Zeichens Symbol für angenehme, das Gehör beglückende Stimmen und (Achtung, Buzzwordalarm) audio-visuelle Sinnlichkeit, würde sich im Grabe umdrehen. So sie denn eines hätte.

Wer allerdings eine so benannte Auszeichnung wirklich (wieder) zu Recht erhalten hat, ist die herzallerliebste Ketevan Melua. Aber als “beste Rock-Pop-Sängerin international”? Rock? Pop? Hat einer der Entscheidungsträger überhaupt mal in die Alben von Frau Melua reingehört?

Hm, Jazz, Blues, das kennen unsere Zuschauer ja alles gar nicht, ach, wir stecken die einfach in die Sparte Pop. Das merkt schon keiner!

Irgendwie zerrt das jetzt alles sehr an der Glaubwürdigkeit des ganzen Events. Aber wer erwartet schon Glaubwürdigkeit bei einer Veranstaltung, die maßgeblich von einem Sender, der gemeinhin als “Bild-Zeitung des privaten Rundfunks” bekannt ist, getragen wird?

Isolde Saalmann hat ein Problem. Okay, das haben die allermeisten von uns, das eine oder andere Problem. Aber manche Probleme kann man sich auch konstruieren, wenn einem fad ist und man offensichtlich sonst keine zu bewältigen hat. Wie Frau Saalmann. Während das ganze Land offiziell die Erbschuld seiner Vergangenheit auf seinen Schultern trägt und um Vergebung bittet, wenn es sagt “Ja, wir Deutschen waren böse”; währenddessen würde die Frau Saalmann, ihres Zeichens SPD-Politikerin aus Braunschweig, den Hitler gerne wieder los werden. Der Hitler soll kein Deutscher mehr sein, sagt sie. Der Spiegel schreibt:

Fast 62 Jahre nach seinem Tod droht Adolf Hitler der Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit: Eine SPD-Politikerin aus Braunschweig will seine Einbürgerung von 1932 annullieren - als “symbolischen Schritt”.

Mal von der juristischen Tatsache abgesehen, daß es völlig unmöglich ist, jemandem, der, unter welchen Umständen auch immer, einmal Deutscher geworden ist, diesen Status wieder zu entziehen, wenn derjenige dann staatenlos wird und diese Regelung immerhin im nicht ganz unwichtigen Grundgesetz dieses Landes zementiert ist (und das mit gutem Grund, haben doch gerade die Nazis von der Methodik der Ausbürgerung regen Gebrauch gemacht), also wie gesagt, davon mal völlig abgesehen - was will die gute Frau denn damit bezwecken? Deutlich machen, daß der Herr Hitler nie einer von uns war?

Bäh, der war gar kein Deutscher, der war Schluchtenscheißer, der Schisser, der, ohne die Österreicher gäb’s das all gar net, sollen die den doch zurücknehmen, mir wolle den net yadda yadda keif

Sowas hätte man sich vielleicht vor rund 75 Jahren überlegen sollen. Aber ihn jetzt (als symbolischen Akt, ooohoo) loswerden zu wollen, weil die Erinnerung an ihn etwas unangenehm ist - das klingt irgendwie auch danach, als wolle man damit auch die Verantwortung für die eigene Vergangenheit abstreifen. Hallo? Wir wissen alle, daß es so etwas wie die Erbschuld nicht gibt - und gäbe sie es, würden wir sie damit auch nicht los. Und die Tatsache, daß seinen Ergüssen eine nicht unbeachtliche Menge von gebürtigen Deutschen gebannt und nickend bis jubelnd gelauscht hat, macht die Abschiebung eines unliebsamen Staatsbürgers auch nicht wett.

Wie langweilig muß einem Politiker sein, daß er (sie) mit einem solchen Unfug an die Öffentlichkeit tritt? Wir (also dieses Land als Entität) haben uns die Scheiße eingebrockt, also müssen wir (s. o.) auch damit umgehen.

Plagiarismen

Der Herr oktolyt macht’s vor - der Spiegel macht’s nach. Des scheidenden Ministerpräsidenten Stoibers gestammelte Werke.

Und sowas wird gewählt.

pflegte ich zu sagen. Stimmt aber nicht mehr. Dem Unsichtbaren, Rosa Einhorn sei Dank!

Fremdwörter

Gestern im Bus zwei Schulkinder belauscht, die sich offenbar über eine Klausur im Rahmen des Deutschunterrichts, alterstechnisch vermutlich der Sexta oder Quinta angehörig, unterhielten. Das ging ungefähr so:

Do himma dann oaner Text bekimma, den hot koaner verstand’n, da war’n fei so fui Fremdwörter daherinnen…

War offensichtlich auf Hochdeutsch verfaßt.

Wildfänger

Der Spiegel schreibt:

Die Kölner Polizei hatte während des Stromausfalls keine ruhige Minute. “Die Leute haben sofort die 110 gewählt und gedacht, die Polizei kann den Strom in die Häuser zurück bringen”, sagte ein Sprecher heute.

Ja. Das geht ja auch. Ganze Hundertschaften rückten aus, um die entflohenen Kilowattstunden mit Halsschlingen, Wurfnetzen und Betäubungsgefähren wieder einzufangen. Leider sind doch zu viele der Zwangsarbeit in den örtlichen Kraftwerken entflohen und werden sich nun in der hiesigen Wildnis einleben um vielleicht sogar dort Prokreieren. Der Einfluß der neuen Spezies auf das Lebensverhalten indigener Spezies, wie dem Hamsterlaufrad, läßt sich laut Experten noch nicht abschätzen.

Als Kind hatten wir bei Gewitter regelmäßig Stromausfall. Da hat man halt Kerzen ausgepackt und Karten gespielt. Oder wurde von den Eltern früh ins Bett geschickt. Und heute kriegen die Leute die Panik, wenn mal der Strom ausfällt. Nichts mehr gewöhnt, die Leute…

So als Berufnerd bin ich ja nun gewiß keine Koryphäe auf dem Gebiet der Mode und was so schick und fein ist. Also, liebe Stiefelträgerinnen, wenn sogar mir auffällt, daß es scheiße aussieht, dann muß das was heißen. Und das tut es. Die aktuelle Mode, die Stiefel über der Hose zu tragen, entferntestens an die Reiterei eines Kavallerie-Regiment von 1859 erinnernd… ja also. Auf einem Pferd mag das ja noch praktikabel sein. Aber warum die Leute in der Innenstadt freiwillig rumlaufen, die eine Bäuerin in Gummistiefeln im Kuhlstall, entzieht sich meinem Verständnis. Wirklich: Es sieht affig aus. Um nicht zu sagen scheiße. ;(

Wie beschissen im Kopp muß man eigentlich sein, daß man Spaß daran findet, anderen Leuten das Fliegengitter am Fenster zu zerschneiden?

Has the whole world gone crazy? Am I the only one here who gives a shit about the rules?
Walter Sobchak in The Big Lebowski

Mit aufgedrehter Utz-Utz-Utz-Wumme im Polo (sic!) durch das Wohngebiet wummern, früh morgens den Subwoofer bis zum Anschlag aufdrehen - denkt denn keiner mehr auch nur einen Schrittweit darüber nach, daß er dem Anderen mit seinem egoistischen Gehabe vielleicht ein klein wenig auf die Sacknaht geht?

Es gibt keine Liebe mehr unter den Menschen. :(

Gestern Nachmittag bei der Busfahrt: Hinter mir saßen zwei junge Damen, die sich angeregt und in einer Lautstärke, die mir das weghören unmöglich machte, über ihre Ausbildung unterhielten. Offensichtlich waren beide im Begriff und willens, Lehrerinnen an Grundschulen zu werden.

Eine der beiden ist wohl gerade in ihrer Praxisphase und unterrichtet eine Schulklasse. Sie erzählte, sie habe sich für ein Projekt, in dem es um das Wort “gehen” etc. ginge, einen Text eines Sportreporters herausgesucht, der ein Fußballspiel kommentiere. Irgendwie durchaus passend, wo auf dem Feld doch eine Menge gelaufen wird.

Ihre Frau Vorsitzende, oder Aufseherin, oder wasauchimmer, so erzählte die junge Lehrerin, sah das aber offensichtlich anders, der Text sei nicht so toll. Unter anderem spielte auch der Herr Ballack mit und die Kinder seien dann zu sehr von den Namen der Spieler abgelenkt, als daß sie sich auf den Inhalt konzentrieren könnten. Gut, das mag sein, keine Ahnung.

Zu einem Zeitpunkt des Spiels kam es zu einem Foul. Ein polnischer Spieler foult einen anderen Spieler und bekommt dafür die gelbe Karte. Passiert. Kommt vor. Besagte Ausbildungsleiterin fand dann aber, diese Passage solle gestrichen werden, weil ja dann der Eindruck entstehen könne, alle polnischen Spieler wären unfair und die würden alle foulen.

Eh. Ja.

Hallo? Ich mein gut, es ist allgemein bekannt, daß Lehrer mit der Zeit ein gewisses Feindbild gegenüber ihren Schülern entwickeln, aber kann ein Lehrer seine Schüler wirklich für so blöd halten? Political Correctness ist ja an sich eine gar nicht so verkehrte Sache, aber das ist dann doch vage übertrieben. Wir tun einfach mal so, als würden gewisse Vorfälle einfach nicht passieren. Bis das Kind dann an anderer Stelle besagten Vorfall mitbekommt und dann dort diese (wahnwitzige) Assoziation herstellt? So kann man Problemen auch aus dem Weg gehen. Man ignoriert sie einfach, bis sie dann so präsent werden, daß es zu spät ist. Selbst wenn die Kinder dann darauf kämen, “Oh, der Pole an sich spielt unfair” - wovon ich nicht ausgehe - wo könnte man sich wohl besser mit derartigen Vorurteilen auseinandersetzen, als in der Schule, in der (angeblich gut geschulte) Pädagogen in der Lage sind, auf die Kinder einzugehen?

Nein, lieber streichen wir jede Form von unliebsamen Ereignissen aus dem öffentlichen Bewußtsein, dann braucht man sich auch nicht damit beschäftigen.

Ich hoffe, die junge Lehrerin in spe zieht ihr Programm durch und läßt die Passage drin. Sollte wirklich ein Kind daran Anstoß nehmen, wäre das doch ein prima Aufhänger für eine aufklärerische Diskussion. Auch Grundschulkindern kann man ein bißchen was zutrauen.

Utz Utz Utz Utz

Wes geistes Kind muß man eigentlich sein, wenn man es tatsächlich durchhält, den ganzen Tag diesen unsäglichen Utz Utz Utz Krawall zu hören, den Musik zu nennen sich von Rechts wegen verbietet; und das in einer Lautstärke, die die Deckenleuchten zum Scheppern bringt und die Kaffetasse auf den Weg in Richtung Tischkante.

In der ersten Nacht in der neuen Wohnung, die gestern bezogen wurde, dachte ich ja noch, es könnte ja die Ausnahme sein. Jeder macht mal ‘ne Party, dachte ich. Da kann es mal lauter werden, dachte ich, und man sollte sich da nicht sofort unbeliebt machen. Das kann man ja mal aushalten, dachte ich mir und hielt es aus.

Heute trommelte allerdings der Subwoofer den ganzen Tag durch meine Zimmerdecke, beinahe pausenlos ohne Aussicht auf Besserung. Auch jetzt, um kurz nach elf - utz utz utz utz bläst sich der Vollpfosten über mir mit dieser infernalischen Kackophonie auch den letzten Rest Hirn weg. Daß der Gesetzgeber mithin, vom Mietvertrag und darin zementierten einzuhaltenden Ruhezeiten mal ganz abgesehen, den Schutz des Gehörs und der Nerven der Nachbarn gesetzlich verankert hat, scheint sich bis zu derartigen egoistischen Vollpfosten noch nicht herum gesprochen zu haben. Auf mehrfache Kommunikationsversuche meinerseits durch Klingeln an der Haustür wurde nicht reagiert. Entweder er wollte oder er konnte es nicht hören. Oder er ist schon längst am Krawall eingegangen und west vor sich hin - den CD-Player in der Endlosschleife.

So oder so muß man da mal was tun. Morgen werd ich da wohl nochmal hingehen. Und sollte das nicht fruchten, werd ich wohl den Vermieter vor den Wagen spannen müssen. Ist sowas eigentlich Grund für Mietminderung? Zum aushalten ist das jedenfalls nicht.

€dit: Bei einer ersten vorsichtigen Sondierung der weiteren Vorgehensweise im Ernstfall zeigt sich die Lektüre dieses Threads als durchaus informativ. *bookmarksetz*

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