Gestern Nachmittag bei der Busfahrt: Hinter mir saßen zwei junge Damen, die sich angeregt und in einer Lautstärke, die mir das weghören unmöglich machte, über ihre Ausbildung unterhielten. Offensichtlich waren beide im Begriff und willens, Lehrerinnen an Grundschulen zu werden.
Eine der beiden ist wohl gerade in ihrer Praxisphase und unterrichtet eine Schulklasse. Sie erzählte, sie habe sich für ein Projekt, in dem es um das Wort “gehen” etc. ginge, einen Text eines Sportreporters herausgesucht, der ein Fußballspiel kommentiere. Irgendwie durchaus passend, wo auf dem Feld doch eine Menge gelaufen wird.
Ihre Frau Vorsitzende, oder Aufseherin, oder wasauchimmer, so erzählte die junge Lehrerin, sah das aber offensichtlich anders, der Text sei nicht so toll. Unter anderem spielte auch der Herr Ballack mit und die Kinder seien dann zu sehr von den Namen der Spieler abgelenkt, als daß sie sich auf den Inhalt konzentrieren könnten. Gut, das mag sein, keine Ahnung.
Zu einem Zeitpunkt des Spiels kam es zu einem Foul. Ein polnischer Spieler foult einen anderen Spieler und bekommt dafür die gelbe Karte. Passiert. Kommt vor. Besagte Ausbildungsleiterin fand dann aber, diese Passage solle gestrichen werden, weil ja dann der Eindruck entstehen könne, alle polnischen Spieler wären unfair und die würden alle foulen.
Eh. Ja.
Hallo? Ich mein gut, es ist allgemein bekannt, daß Lehrer mit der Zeit ein gewisses Feindbild gegenüber ihren Schülern entwickeln, aber kann ein Lehrer seine Schüler wirklich für so blöd halten? Political Correctness ist ja an sich eine gar nicht so verkehrte Sache, aber das ist dann doch vage übertrieben. Wir tun einfach mal so, als würden gewisse Vorfälle einfach nicht passieren. Bis das Kind dann an anderer Stelle besagten Vorfall mitbekommt und dann dort diese (wahnwitzige) Assoziation herstellt? So kann man Problemen auch aus dem Weg gehen. Man ignoriert sie einfach, bis sie dann so präsent werden, daß es zu spät ist. Selbst wenn die Kinder dann darauf kämen, “Oh, der Pole an sich spielt unfair” - wovon ich nicht ausgehe - wo könnte man sich wohl besser mit derartigen Vorurteilen auseinandersetzen, als in der Schule, in der (angeblich gut geschulte) Pädagogen in der Lage sind, auf die Kinder einzugehen?
Nein, lieber streichen wir jede Form von unliebsamen Ereignissen aus dem öffentlichen Bewußtsein, dann braucht man sich auch nicht damit beschäftigen.
Ich hoffe, die junge Lehrerin in spe zieht ihr Programm durch und läßt die Passage drin. Sollte wirklich ein Kind daran Anstoß nehmen, wäre das doch ein prima Aufhänger für eine aufklärerische Diskussion. Auch Grundschulkindern kann man ein bißchen was zutrauen.